• Karo

Santiago und der schwarze Hund

Es ist schon fast unglaublich wie gut es uns in Santiago geht. Und das obwohl ich damit niemals gerechnet hätte. Zum einen ist es eine Großstadt und diese meiden wir für gewöhnlich, zum anderen hatten wir hier schon schlechte Erfahrungen gemacht (dazu später mehr) und jeder hat von den Unruhen gehört und vielleicht ja auch schon mittlerweile vergessen.


Völlig planlos sind wir am Samstagnachmittag in Santiago angekommen. Jendrik äußerte den Wunsch noch ein bisschen shoppen zu gehen, also fuhren wir in ein Shoppingcenter und machten die Läden unsicher. Bei der Hinfahrt haben wir sichergestellt, dass wir bloß nicht am Plaza Italia vorbeikommen.

Die Zeit verging, es wurde langsam dunkel, wir kriegten Hunger und hatten noch keinen Schlafplatz. Erstmal stillten wir das Bedürfnis mit dem Hunger, vorgekocht hatte ich schon. Kurz vor dem Grenzübergang von Argentinien nach Chile habe ich alles an Gemüse was wir so hatten in einen Topf geschmissen und einen Eintopf daraus gemacht. Kurzer Hand haben wir uns auf dem Parkplatz neben zwei Pizzerias ausgebreitet, Klappstühle raus, unser Essen warm gemacht und gegessen.

Immer noch etwas planlos, fing ich an bei iOverlander nach einem Stellplatz zu suchen, dabei wusste ich schon längst, dass es hier nichts gibt, wo man sicher stehen kann und sich auch noch ausbreiten kann. Jendrik muss ja schließlich auch noch seine Sachen für den Abflug packen.


Bevor wir Argentinien verlassen haben, hatte ich Andrés kontaktiert. Andrés ist der Mann von Vivian. Diese wunderbare Familie haben wir kennen gelernt als wir in Mendoza eine Wein Bodega besichtigt haben. Nach dem wir uns bei der Besichtigung kurz ausgetauscht hatten, erzählte uns Vivian, dass ihr Mann auch einen Bulli, einen T1, hat und diesen gerne restaurieren will.

Da unser Problem mit dem Motor nur halb zufriedenstellend gelöst wurde, fragte ich Andrés nach einem Mechaniker, vielleicht kennt er ja jemanden der sich mit der Sache auskennt.

Freundlicher Weise bot er uns dann an bei ihm vorbeizukommen. Momentan ist Vivian in Frankreich und die drei Töchter, die wir bei der Wein Besichtigung auch kennen gelernt haben, leben auch schon alle außer Haus.


Ich war ziemlich erleichtert als sich dieses Angebot ergab. Wir sind direkt nach dem Essen losgefahren.


Die Familie lebt etwas außerhalb vom Stadt Zentrum, was uns recht ist. Die Gegend ist ziemlich ruhig und das Haus ist mit Liebe zum Detail eingerichtet. Wir wurden herzlich empfangen, sofort wurde uns essen und trinken angeboten. Eine der Töchter war mit ihrem Freund zu Besuch. Sie wohnt direkt am Plaza Italia und hat uns erstmal erzählt was man sich in Santiago alles angucken kann und wo man gut essen gehen kann. Plaza Italia, können wir uns „sicher“ angucken und sollten uns sogar angucken, empfahl sie uns. Es ist wie eine große Kunstausstellung mit politischen Statements an diversen Gebäuden. Sie versicherte uns, dass es sonntags sehr ruhig sei und wir keine Bedenken haben sollten.

Natürlich waren die die Männer sofort Feuer und Flamme und wollten unbedingt dahin, mich hingegen überkam ein beklemmendes Gefühl. Aber gut, wenn die Tochter, die da lebt, das sagt dann wird das ja wohl so richtig sein! Also nahmen wir uns die Besichtigung für den nächsten Tag vor. Jendriks Flug ging erst abends und so hatten wir den ganzen Tag zur Verfügung.


Wir verbrachten einen wunderbaren Abend auf der Veranda und wurden anschließend in den Gästezimmern einquartiert. Die Betten waren schon bezogen und so wollten wir nicht widersprechen und nahmen die Gastfreundschaft dankend an. Eigentlich schlafen wir nämlich lieber im Bulli, schließlich ist es unser zu Hause…


Am nächsten Morgen fing Jendrik an seine Tasche zu packen und wir das Frühstück zu machen. Kurz darauf kam auch schon ein Mechaniker mit seinem VW Käfer vorbei, um sich unseren Motor anzuschauen. Ja, ihr liest richtig, der Mechaniker machte einen Hausbesuch! Andrés hatte schon am Vorabend seinen Freund kontaktiert und dieser freute sich sehr uns zu helfen. Da er sich aber nicht so gut mit Dieselmotoren auskennt, hat er kurzer Hand seinen Kollegen angerufen, der innerhalb von 20 Minuten vorfuhr. Ich war sprachlos, zwei Mechaniker auf einem privaten Hof. Nur wegen uns und das auf einem Sonntag?! Das kann nicht Chile sein!

Denn leider haben wir hier in Santiago auch schon eine andere Erfahrung gemacht…


Anfang Januar, kurz bevor wir Jendrik vom Flughafen abholten, haben wir hier einen VW T3 Spezialisten auf diversen Empfehlungen von Bekannten aufgesucht. Die Empfehlung haben wir schon damals bekommen, als wir den Motorschaden in Perito Moreno reparierten.

Wir wollten den Motor unvoreingenommen mal von einer fremden Person durchchecken lassen und vielleicht noch das eine oder andere Ersatzteil besorgen.

Auf dem Hof angekommen machten die Herren einen sehr netten Eindruck und begutachteten und bestaunten unseren Tornado. Juan Pablo, mit dem wir in Kontakt standen war gar nicht da, aber dafür sein Vater. Er scheint auch der Mechaniker zu sein, der an den Autos schraubt. Da der Motor sowieso erst abkühlen musste, versprach er, sich am Nachmittag um den Tornado zu kümmern.

Während wir auf den Mechaniker warteten, haben wir den Bulli gründlich sauber geputzt, aufgeräumt und auch noch Platz für Jendrik gemacht. Zwischen durch kam Juan Pablo mit seiner Freundin im Porsche vorgefahren, ist aber nach dem Mittagessen wieder weggefahren. Er sah nicht so aus, als ob er an Autos schrauben würde, aber gut ich wollte mich vom Schein nicht trügen lassen.

Wie versprochen kam der Vater mit seinem Werkzeug zum Bulli und fing an zu schrauben. Er wollte den Einspritzzeitpunkt einstellen. Um am Motor die passende Stellung zu überprüfen, kann man durch ein kleines Guckloch in die Kupplungsglocke schauen. Das kleine Loch ist mit einer Plastikkappe bedeckt, damit kein Dreck reinkommt. Die Kappe lässt sich auch ganz leicht öffnen, der „T3 Experte“ meinte aber die Plastikkappe gewaltvoll mit einem Schraubenzieher aufhebeln zu wollen.

Als Fabian ihm zeigte, dass es ganz einfach geht, war er eingeschnappt. Er schraubte alles wieder fest was er losgeschraubt hatte, sammelte sein Werkzeug ein und verabschiedete sich mit den Worten: „Ich schraube seit 30 Jahren an diesen Autos, ich weiß wie das geht!“

Und da standen wir, völlig perplex, irgendwie überrascht und fühlten uns wie im Kindergarten. Traurig, dass der einzige T3 Experte/ Lieferant in Südamerika völlig eingebildet ist.


Die Mechaniker bei Andres auf dem Hof haben gemeinsam mit Fabian die Glühkerzen untersucht und wollten den Einspritz-Zeitpunkt erneut einstellen. Es stellte sich jedoch heraus, dass einfach nur zwei Glühkerzen defekt waren.

Obwohl Sonntag war, machten wir uns gleich auf den Weg Ersatzteile zu besorgen, denn gleich in der Nachbarschaft sollte es einen passenden Laden dafür geben. Leider waren dort keine neuen Teile zu finden. Okay, nicht schlimm, also können wir erst Montag nach Glühkerzen suchen.


Den restlichen Sonntag verbrachten wir in Santiago. Wir sind zum Mercado Central gefahren. Ein berühmter Markt mit ganz vielen Meeres Köstlichkeiten.

Jedoch nicht für mich, ich mag das gar nicht.

Und die ganzen Fische sind doch mittlerweile auch nur in Fischfarmen gezüchtet...

Von dort aus gingen wir Richtung Plaza Italia. Am Kunstmuseum sah man die ersten Graffitis an Gebäuden und an Skulpturen.


Als wir näher zum Plaza Italia kamen, wurden die Graffitis mehr und der Verkehr weniger.

Am Plaza Italia angekommen, fielen mir als aller erstes vermummte Menschen auf, die brüllend mit Feuerlöscher in der Hand am Kreisverkehr herumliefen. Sie blockierten den wenigen Verkehr, indem sie sich auf die Straße stellten oder mit Fahrrädern Blockaden errichteten.

Wie wir später erfahren haben, werden öfters Straßenblockaden errichtet, die man nur dann passieren darf, wenn man Geld bezahlt.

Mir wurde das ganze Spektakel ungeheuer, auch wenn man die protestierenden Menschen an einer Hand abzählen konnte, wollte ich weg von diesem Platz. In einer Straße verschwinden, wo es ruhiger ist. Die Männer aber saßen tiefenentspannt und beobachteten das Spektakel, am liebsten währen sie noch tiefer in das Geschehen eingetaucht.

Ich aber hatte kein Bedürfnis dazu, somit konnte ich mich auch durchsetzen und wir sind in die nächste Straße abgebogen.

Es ist schwierig zu beschreiben, aber die Straße war Menschen verlassen und von Menschen zerstört. Alle Wände mit Graffitis besprüht. Von den Bushaltestellen ist lediglich nur noch das Gerüst zu sehen. Fensterscheiben eingeschlagen und teilweise waren die Ziegel von den Bürgersteigen ausgehoben.

Als wir an der Straße entlangliefen, konnte man die Wut der Bürger spüren. Unglaublich wie die Politik falschspielt und so viele Menschen in Rage versetzt. Aber je länger wir in Chile sind, desto besser können wir es nachvollziehen. Die Preise der Autobahnmaut sind teils teurer als in Europa, Lebensmittelpreise und sowieso das tägliche Leben nicht günstiger als bei uns zu Haus und das alles obwohl die Einkommen natürlich deutlich geringer sind. Und das schlimmste, man muss hier wirklich für alles bezahlen und somit das komplette Gegenteil zum restlichen Südamerika.

An den Mauern eines Museums konnte man sehr viele gesprayte Kunstwerke zur Situation sehen. Ein Graffiti hat uns besonders interessiert, ein schwarzer Hund mit einem roten Halstuch. Könnte auch Myliu sein. Einen Meter weiter konnte man Shirts oder Halstücher mit dem Aufdruck des Hundes kaufen.

Fabian fragte nach, was es mit dem Hund auf sich hat. Es stellte sich heraus, dass der Hund in vergangenen Jahren regelmäßig bei Studentenprotesten mit machte und wohl auch einen Polizisten in den Arsch gebissen hat. „Sehr sympathisch“, wie Fabian findet. Mittlerweile lebt der „Negro Matapacos“ zu deutsch „schwarzer Bullenkiller“ nicht mehr, ist aber zu einem Symbol des Protestes geworden und so tritt er nun auch wieder in Erscheinung.

Bei späterer Recherche über den Hund treffen wir auf eine sehr lustige revolutionäre Aussage zu seinem Leben, "als geborener Revolutionär hinterlässt er 32 Welpen von 6 Hundedamen, er ist der beste Menschenfreund und der schlimmste Alptraum der Polizei" (aus dem spanischen übersetzt).

Kurzer Hand wurde dann natürlich ein Shirt gekauft!

Ein seltsames Gefühl in einer Millionen Stadt auf einer der Hauptstraßen entlang zu laufen und kaum Menschen oder Autos zu sehen.


Umso überraschender war es, als wir in eine Seitenstraße abgebogen sind und das normale Leben wiedergefunden haben. Eine wunderschöne kleine Gasse mit vielen Lokalen und Restaurants und jede Menge Künstlern, die ihre Kunst in Form von Schmuck, Bilder, Fotos oder anderen Gegenständen verkaufen. In dieser Straße merkte man nichts von den Protesten.

Wir kehrten in eins der Lokale ein und hatten ein letztes Mittagessen mit Jendrik.

Viele, die wir hier treffen, einschließlich der Familie wo wir untergekommen sind. Sind der Meinung, dass die Proteste gut sind. Das die Stadt jetzt sogar gut und lebendig aussieht. Ein Spruch von der Tochter von Andrés und Vivian ist mir im Kopf geblieben: „Before we were better but fake and a lie, now we are worse but real and the truth” zu deutsch: „Vorher waren wir besser, aber unecht und eine Lüge, jetzt sind wir schlechter dafür aber echt und die Wahrheit“

Wie sie findet, ist die Stadt nun ein Museum, das sich jeden Tag verändert, welches zeigt, dass die Menschen Leben und zeigen was sie wollen.


Völlig überpünktlich haben wir Jendrik dann am Abend zum Flughafen gebracht, einen völlig überteuerten und geschmackslosen Smoothie getrunken und uns von unserem Schnucki bzw. Spülsklaven schweren Herzens verabschiedet. Es war schon eine sehr schöne Zeit und komischerweise auch wie Urlaub für uns. Nun kann die gewohnte Reiseroutine wieder einkehren… wenn es überhaupt eine gibt.


Am nächsten Morgen hatten wir das Haus für uns. Wir sind immer noch völlig überwältigt wie uns eine „fremde“ Familie ihr Vertrauen schenkt, wie ihre eigenen Kinder aufnimmt und sich um uns und unseren Tornado sorgen und kümmern.

Später hatte Andrés ein paar Ersatzteilläden in Santiago angerufen, um uns dann genau zu sagen in welchen wir fahren sollen und vorher schon den Preis ausgehandelt damit wir nicht übers Ohr gezogen werden.

Und sogar um unser leibliches Wohl wird sich gesorgt. Wir wurden lecker von der Hausdame Rosi bekocht. Eine leckere vegane Lasagne mit frischem Gemüse dazu. Die Familie lebt vegetarisch. Überhaupt treffen wir hier während unserer 3 Tage in Santiago übermäßig viele Vegetarier und Veganer. Wir sind verblüfft.

Nachdem wir die Teile mit einem Uber Taxi abgeholt haben bin ich erstmal in den Pool gesprungen. Während Fabian die Glühkerzen verbaute, haben wir den Bulli erstmal aufgeräumt und geputzt.

Es tut gut mal ein paar Tage in einem Haus zu verbringen und das gleich in einem so wunderschönen und mit einer unglaublich freundlichen Familie. Es ist schön sich hier noch mal sortieren zu können und durchzuschnaufen bevor unsere Abenteuer weiter gehen. Wir sind sehr dankbar für die Gastfreundschaft!

Muchas gracias Andrés y Vivian!

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